Karl Kunger

Was für ein Leben!
Was für ein Leben?

Karl Kunger wird am 9. September 1905 in Berlin geboren. Seine Eltern, der Hofhäretiker Friedrich Wilhelm Unger und dessen Konkubine, die Stehgeigerin Marieluise Kiesel, geben ihm zunächst den Namen Kurt. Dieser Irrtum stellt sich erst fünf Jahre später heraus und ist der Beginn jener beispiellosen Reihe verhängnisvoller Irrtümer, die Kungers Leben so entscheidend beeinflussen sollte.

1910: Der fünfjährige Kunger beim Versuch, sich den Unterschied zwischen rechts und links einzuprägen. Später gab er diesbezügliche Bemühungen auf, da, wie er sagte, der Mensch sich sowieso stets fehl am Platz fühle.

So wird Kunger 1914 von seinen Eltern versehentlich nicht zum Kinderturnen, sondern zur Teilnahme am Ersten Weltkrieg angemeldet. Der damals Neunjährige entgeht diesem Schicksal nur unter Hinweis auf seine Kurzsichtigkeit. Aufgrund derselben Kurzsichtigkeit verwechselt er ein Jahr später eine Marienerscheinung mit der Tochter der Erzgräfin Isolde, welche er fortan zu lieben behauptet. Sein Vater fällt daraufhin in Ungnade und wird in die Hinterste Lausitz verbannt, zudem muß seine Mutter aufgrund einer fortschreitenden Stehbehinderung ihre Stellung aufgeben. Kunger und seine Mutter folgen dem Vater in die Verbannung.

Im Vorfrühling 1920 dringt die Nachricht von der Revolution 1918 auch in die letzten Ecken der neuen Republik. Kungers Vater erfährt beim Schneeschmelzefest, dass seine Verbannung bereits zwei Jahre aufgehoben wurde, stirbt jedoch wenige Tage später an einer eingebildeten Sinn-Insuffizienz.

Die nächsten Jahre verbringt Kunger abwechselnd in Berlin und in völliger Verwirrung. Dort lernt er im Spätsommer 1926 bei einer Nikolausfeier die Malerin und Nihilistin Irina Nasowasskaja kennen, die ihre Orientierung bereits in den Wirren der Oktoberrevolution verloren hat. Die Gemeinsamkeiten sind ihnen sofort offensichtlich: Beide leben in der irrtümlichen Überzeugung, daß das Leben einen Sinn hat. Um ein provokatives Zeichen zu setzen und die Gesellschaft aufzurütteln heiraten Karl und Irina im Frühjahr 1927. Zu ihrer Enttäuschung provoziert dieser Schritt nicht das erwartete Echo der Entrüstung, sie erhalten im Gegenteil sogar vereinzelte Glückwünsche.

1927: Karl und Irina setzen ein Zeichen, werden jedoch missverstanden

Daraufhin wendet sich Kunger ebenfalls dem Nihilismus zu und gibt am 27. Mai 1928 demonstrativ sein Lesekärtchen der Berliner Volksbücherei zurück. In einem Offenen Brief an die Lesesaalaufsicht begründet er diesen Schritt damit, daß „nicht alles wahr sein könne, daher einiges offensichtlich falsch sei“. In dieser Überzeugung wendet er sich der Poesie zu und verfaßt einen Zyklus nihilistischer Sonette, die er 1928 unter dem Titel ‘nabelschweinsekrete’ veröffentlicht. Von seinen acht Lesern wird er am 15. Oktober 1928 mehrere Stunden enthusiastisch gefeiert.

1961: Karl Kunger bei einer überraschenden Lesung im Kaufhaus M. Schneider in Offenbach am Main

Nach 1930 gehen Kunger und Irina mehrfach verloren, tauchen jedoch meist an überraschender Stelle wieder auf, unter anderem bei einem Ontologenkongress 1951 in Lissabon, wo Kunger mit der These, Ehrlichkeit sei nichts anderes als Angst vor der Wahrheit, immenses Aufsehen erregt. In seinem letzten Interview, das er 1962 der Literaturzeitschrift “placebo 57” gibt, begründet Kunger seine zeitweise Abwesenheit mit den Worten, das Sein sei auch nicht mehr das, was es einst gewesen sei und werde dem Nicht-Sein, das ja auch Seiendes sei, immer ähnlicher. Man könne sich aber dessen nicht vollkommen sicher sein, möglicherweise sei es auch genau umgekehrt.

Kurz darauf verschwindet Kunger für immer.