Dostejewski, das Glück und 40 Orangenbäumchen

Zum 150. Geburtstag des Frankfurter Palmengartens

Alles verzockt, dann Schulden gemacht, schön weitergespielt und natürlich wieder alles verloren. Dann frustriert nach Hause gegangen, die Frau angebrüllt, die Polizei auch und früh um fünf mit Schnaps und Kopfschmerz ins Bett. Und schließlich mit Hilfe der Frau nochmal das Ruder herum und sich selbst am Riemen gerissen und den Karren auf den letzten Drücker aus dem Dreck gezogen.

Das kommt auch dem einen oder anderen Hessen bekannt vor, wobei sich dann konkret meist alles um den Daddelautomaten in Sylvie’s Bierstubb, die Hartz-IV-Kohle und das triste Dasein in einem Plattenbau am Stadtrand dreht – und es mit dem Ruderherumreißen bevor alles den Bach runter geht dann manchmal doch nicht klappt. Wie man mit ein wenig mehr Stil alles verzockt, dabei noch weltberühmt wird und zudem noch zum Aufbau eines botanischen Gartens beiträgt, das kann der Hesse vom Russen lernen:

Frankfurter Geschichten

Ein wirklicher Gentleman darf sich nicht aufregen, selbst dann, wenn er sein ganzes Vermögen verspielt. Seine Vornehmheit muss so hoch über dem Geld stehen, dass er es kaum der Mühe wert hält, sich darum zu kümmern.1

Fjodor Michailowitsch Dostojewskij, wusste über was er schrieb. 1865 kam er nach Wiesbaden, wo er zwei Jahre zuvor bereits 10.000 Franken gewonnen, davon am nächsten Tag aber die Hälfte gleich wieder verloren hatte. Für Heilwasser und Spaziergänge im Kurpark blieb ihm auch diesmal keine Zeit, denn der Schriftsteller war ausschließlich des Roulettes wegen gekommen, sehr zum Verdruss seiner Freundin Paulina, die nach einigen Tagen enttäuscht nach Paris abreiste.

Da ich ja selbst in hohem Maß von dem Wunsch zu gewinnen erfüllt war, wirkte diese ganze Gewinnsucht, all dieser schmutzige Eigennutz beim Betreten des Saales beruhigend und anheimelnd auf mich. Es ist das allerschönste, wenn man sich voreinander nicht zu zieren braucht, sondern offen und freimütig handeln kann. Und wozu soll man sich selber betrügen? Das ist höchst unnütz und unpraktisch.1

In Wiesbaden war das Glücksspiel immer Teil des Kurbetriebs. Es wurde auch nicht etwa nur widerwillig von der Obrigkeit geduldet, im Gegenteil: Die Spielbank Wiesbaden war die Idee eines hessischen Landesherren, der seine Staatsfinanzen sanieren wollte: Zu Beginn des 18. Jahrhunderts stellte  der Fürst von Nassau-Usingen fest, dass seine Kasse seinen Bedürfnissen nicht annähernd gerecht werden konnte. Es war die Zeit des Hochbarock, und alleine die Perücken des Fürsten kosteten ein Vermögen, von den anderen notwendigen Utensilien eines barocken Hochadeligen ganz zu schweigen. Also vergab er 1771 die ersten Konzessionen für Glückspiele, die zunächst noch in Gast- und Wirtshäusern stattfanden. 1810 bekam die Spielbank ein eigenes Gebäude, das neue Kurhaus in Wiesbaden. Der Ort war mit Bedacht gewählt – in Mainz auf der anderen Seite des Rheins hatte der Bischof das Sagen, und Spiele um Geld waren verboten. Die Kundschaft war also gesichert. Und die Kunde von den Möglichkeiten verbreitete sich schnell, in Deutschland wie auch im Ausland, vor allem in Russland.

Als Dostojewskij keine hundert Jahre später nach Wiesbaden kam, war der Spielbetrieb lange etabliert, durch eine eigene Polizei geregelt und in ganz Europa berühmt. Dem Schriftsteller half das jedoch auch nicht weiter, denn nach fünf Tagen war er pleite. Die 175 Rubel, mit denen er nach Wiesbaden kam waren weg, verzockt, ebenso seine Uhr. Er schrieb unfrankierte Briefe an Paulina und bat um Geld. Im Hotel teilte man ihm mit, dass man ihm keine Speisen und Getränke mehr servieren wird und drohte mit der Polizei. Er schrieb weitere Briefe, an Freunde, Verleger und Bekannte, er bat und bettelte – und bekam schließlich einen Vorschuss auf eine Werkausgabe und ein neues Buch, abzuliefern in einem Jahr.

Dreitausend Goldrubel.

Aber auch die waren in wenigen Tagen weg.

Verloren beim Roulette.

Bin ich denn wirklich ein kleines Kind? Begreife ich denn nicht, dass ich selbst ein verlorener Mensch bin? Allein – warum sollte ich nicht auferstehen können! Ja! Es gilt, nur einmal im Leben berechnend und geduldig zu sein. Es gilt, nur einmal fest zu bleiben, und ich kann in einer Stunde mein ganzes Schicksal ändern. Hauptsache – charakterfest sein. 1

Aber vorerst steckte Dostojewskij wirklich in der Klemme, er musste nach Russland abreisen, um nicht zu sagen: flüchten, und er musste ein Buch abliefern, für dass er den Vorschuss bereits verspielt hatte – andernfalls wären die Rechte für alle weiteren Werke an den Verleger Stellowskij gefallen. Monate verbrachte er mit anderen Büchern, die er ebenfalls noch zu schreiben hatte, nebenbei haderte er mit seinem Schicksal und dachte ans Roulette. Am 1. November 1866 musste er den Roman abliefern, am 4. Oktober hatte er noch nicht einmal angefangen. Auf den Rat eines Freundes hin nahm er eine Stenografin, Anna Grigorijewna Snitkina, der er in den nächsten 24 Tagen das verlangte Werk diktierte: Der Spieler.

Der fiktive Schauplatz des Romans, Roulettenburg, ist unschwer als eine Mischung aus Wiesbaden und Bad Homburg zu erkennen. Die Protagonisten sind allesamt Spieler, selbst eine aus Moskau angereiste greise Tante verfällt der Spielsucht und verspielt ihr Vermögen, was alle, die auf ihr Erbe gehofft hatten, in Verzweiflung stürzt und alle Beziehungen zerbrechen lässt.

Für Dostojewskij selbst sah es zunächst etwas besser aus: Nicht nur war sein Buch fertig, zwei Tage vor dem Abgabetermin, er hatte sich auch in seine Stenografin verliebt und heiratete sie im Februar 1867. Aber er blieb ein Spieler, und schon im April des gleichen Jahres brachen er und seine Frau wieder nach Europa auf – genaugenommen flüchteten sie mal wieder vor Dostojewskijs Gläubigern. Zurück in Deutschland zeigte sich dann, was er meinte, wenn er schrieb „Es gilt, nur einmal fest zu bleiben, und ich kann in einer Stunde mein ganzes Schicksal ändern“: Nur einmal gewinnen, nur einmal das große Los, den Jackpot, den Hauptgewinn. In Baden-Baden, in Bad Homburg, in Wiesbaden, überall lag er schluchzend vor seiner Frau auf den Knien und bat sie, ihre Uhr, ihren Schmuck und schließlich ihre Kleider zu versetzen, damit er weiter spielen konnte. Es ist nicht überraschend, dass dieser Teil der Geschichte in den Werbebroschüren der hessischen Spielbanken unerwähnt bleibt. Die Dostojewskis kehrten erst wieder nach Russland zurück als 1872 alle Spielbanken in Deutschland geschlossen wurden.

Er kehrte vom Spieltisch zurück …, es war schrecklich ihn anzuschauen: sein Gesicht hochrot, seine Augen rot unterlaufen, als ob er betrunken wäre.2

Bereits 1866 hatte Preußen große Teile von Hessen annektiert, neben Hessen-Kassel, Hessen-Homburg und der Freien Stadt Frankfurt auch das Herzogtum Nassau. Damit fielen auch die Spielbanken in Wiesbaden und Bad Homburg erst unter die preußische Hoheitsgewalt, 1871 unter die Jurisdiktion des deutschen Kaiserreichs. Ein Jahr später war Zeit der Spielbanken erst einmal vorbei.

Auch Herzog Adolf I. von Nassau schien das Glück zunächst verlassen zu haben, denn mit der preußischen Besatzung musste er zurücktreten und verlor seine Einkünfte. Schon ein Jahr später gestand ihm Preußen allerdings eine Abfindung in Höhe von 15 Millionen Gulden zu, sowie vier Schlösser in Wiesbaden, Weilburg und Königstein. 1890 wurde er schließlich – aufgrund verwickelter Familienverhältnisse und komplexer Erbfolgeregelungen – auch noch Großherzog von Luxemburg.

Was aber hat das alles nun aber mit dem Frankfurter Palmengarten zu tun?

Die üppigen Einkünfte aus dem Spielbankbetrieb, zu denen Dostojewski ein erkleckliches Sümmchen beitrug, investierte Herzog Adolf in eine umfangreiche und berühmte Orangerie mit 20 000 Pflanzen. Ein Prunkstück der Sammlung waren 40 Orangenbäumchen mit denen der Kurfürst von Hessen-Kassel einst seine Spielschulden bezahlt hatte. Nach der Annektion von Nassau durch Preußen sah sich der Herzog allerdings seiner Einkünfte beraubt und somit gezwungen, seine Orangerie zu verkaufen. Letztendlich war es dann die Stadt Frankfurt, die von der fürstlichen Misere profitierte: Auf Anregung des Gärtners Heinrich Siesmayer, der mit der Auflösung der Sammlung beauftragt war, bildete sich das Komitee zum Erwerb des Biebricher Wintergartens, das die herzoglichen Pflanzen kaufte und damit im August 1868 die Palmengarten Actiengesellschaft gründete.

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1 Alle Zitate aus: Fjodor M. Dostojewskij, Der Spieler. München 1981

2 Anna Grigorijewna Dostojewskaja, Erinnerungen. München 1988

Eine erste Version dieses Artikels erschien in Christoph Jenisch: Herzlich wie Handkäs und andere hessische Unglaublichkeiten. Frankfurt 2012