Der Hirscheber – Zum 160. Geburtstag des Frankfurter Zoos

… und ein Plädoyer für die Wiederanschaffung eines Babirusas

Ein Hirscheber ist … nein, nicht das was man sich vorstellt. Geweihe im üblichen Sinn spielen eindeutig keine Rolle. Lange Beine schon eher, aber auch das ist relativ – für ein Schwein sind die Beine eindeutig lang, für einen Hirsch wären sie lächerlich kurz. Kurz, die Ähnlichkeit mit einem Hirsch erschließt sich nicht wirklich, zumal ein Hirsch üblicherweise nicht über lange obere Eckzähne verfügt, die die Rüsseldecke durchstoßen, und dann, da die Zähne sich nach hin­ten biegen, sehr unpraktisch wie­der in die Rüsseldecke und damit in das Tier zurück wachsen. Die fatalen Folgen dieser dentalen Eigenwilligkeit beschrieb einst im Frankfurter Zoo ein Schild  mit den Worten »Selbstmord auf Raten«. Das klingt ein wenig vorwurfsvoll, suggeriert es  doch, der Hirscheber (oder Babirusa, wie er im Frankfurter Zoo genannt wird) als solcher sei des Lebens überdrüssig und wolle sich durch die skurrile Fehlbildung ein sicheres Ende berei­ten. Nichts könnte falscher sein, denn auch wenn man dem Tier eine gewisse lethargische Anmutung nicht absprechen kann, strahlt es doch eine tiefe innere Zufriedenheit aus wie kaum ein anderes Geschöpf. Und ist nicht vielleicht ja sowieso die Lethargie der Schlüssel zum Glück? Wie auch immer: Über Jahrzehnte konnte dem Tier durch den energischen Einsatz von Säge und Schleifpapier stets geholfen werden, und nicht wenige Tierpfleger des Zoos verwahren auch heute noch zu Hause ein Stück Hirscheberzahn, dem gerne auch mal zweckdienliche pharma­zeuti­sche Wirkungen bzw. Hilfe in schwierigen Lebensla­gen zu­gesprochen werden.

Frankfurter Geschichten

Der Hirscheber kann auf eine lange Geschichte in Frankfurt zurückblicken. Bei der Ankunft des er­sten Exemplars am Main im Jahr 1905 erwartete das von der langen Reise einge­schüchterte und erschöpfte Tier ein triumphaler Empfang. Die Frank­furter ver­lang­ten nach exotischen Attraktionen aus fernen Ländern, und obgleich der Babirusa eben nur ein ordinäres Schwein ist, so handelt es sich doch zumindest um ein sehr ungewöhnliches, extrem hochbeiniges Schwein mit formidablen Zähnen, das zudem im fernen Celebes zu Hause ist und damit dem Frankfurter die beruhigende Gewissheit gab, auch am ande­ren Ende der Welt ein geselchtes Rippchen, vielleicht sogar mit Sauer­kraut, zubereiten zu können. Die Kinder liebten indes den Hirscheber wegen seines zutraulichen Wesens und seiner Be­reitschaft, sich grunzend ins Heu sacken zu lassen, wenn man ihn nur an einer be­stimmten Stelle hinter dem Ohr kraulte. Im Frankfurter Zoo war dies immer möglich, und selbst die Tierpfleger, die ansonsten verständlicherweise mit Unmut reagieren, wenn Besucher ihre Finger zwischen Gitterstäbe zwängen um in direkten Kontakt mit der Kreatur auf der anderen Seite zu gelangen, lächelten wissend und tat so, als würden sie nichts sehen. Jedenfalls wenn man sich aufs Kraulen beschränkte und nicht gerade anfing, mit Feile oder Säge am Hirscheberzahn herumzuwerkeln.

Gerahmter Hirscheberzahn (Holz, Gips, Goldfarbe, Samt, Golddraht, Babirusa-Zahn), Frankfurt am Main

Zu den frühen Freunden des Hirschebers gehörte auch der junge Adorno, damals noch Theodor Wiesengrund, der sich an man­chem Sonntagnachmittag am »in­tentionslosen Glück« des exoti­schen Paarhufers erfreute – und diesen zweifellos auch gekrault haben dürfte. Dass sich im Gepäck des emigrierenden Wissenschaftlers auch ein Stück Hirscheberzahn befand und sich Adorno in späteren Jahren gerne ein we­nig davon ins Frühstück ras­pelte, muss je­doch ins Reich der Legende verwiesen werden.

In der Zeit des Nationalsozialismus wurde der Hirscheber als »fremdes Schwein« ge­ächtet und kaum mehr vorgezeigt. Im Jahr 1942 wurde der Frank­furter Hirscheber gar gegen das Ex­emplar des Berliner Zoos ausgetauscht. War ihm seine frühere Freund­schaft mit dem längst emigrierten Adorno zum Ver­hängnis geworden? Wurde er, der Sozialistenfreund, ausge­tauscht gegen einen regimetreueren Hirscheber aus Berlin? Sollte dieser die – traditionell liberal ein­gestellten – Zoobewohner im Geiste des Na­tionalsozialismus indoktrinieren? Jedenfalls verliert sich die Spur des Frankfurter Hirschebers in Berlin. Der Berliner Hirscheber konnte dagegen in Frankfurt nie hei­misch wer­den. »Das Schwein« nannte man ihn nur, zwar artengeschichtlich halbwegs kor­rekt, aber doch nicht ohne eindeutigen Unterton. Als der Rundbau in den Bom­ben­nächten 1943/44 getroffen wurde, nutzte der Hirscheber – im Gegensatz zu anderen Zookollegen, ein Strauß soll es sogar bis Wetzlar geschafft haben – nicht die Gelegenheit zur Flucht, vielleicht aus Furcht vor den Koch­töpfen der hungern­den Frankfurter, die das regime­freundliche Schwein nur zu gerne zu Solber und Fleischwurst verarbeitet hätten. Aber auch er verschwand nach Kriegsende. Genaueres ist nicht bekannt, aber so könnte es sich abgespielt haben: Eingetauscht gegen drei Stangen amerikanischer Ziga­retten, eine kaum getragene Nylonstrumpfhose und ein nur leicht angeschim­meltes Brot wurde die kollaborative  Sau von einer resoluten Metzgerswitwe auf dem Schwarzmarkt erwor­ben, fachgerecht zerlegt und zubereitet und bildete somit den Grundstock einer bis heute florierenden lokalen Metzgerei­kette. Dem Frankfurter Zoo erlaubte dieser Handel, ge­wisse Siche­rungsmaß­nahmen am Raubtierhaus wieder instandzusetzen, was in der Bevölkerung mit viel Beifall aufgenommen wurde.

Der letzte Frankfurter Hirscheber

Der aus den USA heimgekehrte Adorno besuchte recht bald den nun hirscheber­freien Zoo. In einem Brief an Zoodirektor Bernhard Grzimek erkundigte er sich nach dem Schicksal des Hirschebers seiner Jugend. »Dieser sei«, so schrieb er, »doch nicht auf den Malayischen Inseln ausgestorben?« Hoffte er auf ein Stück Kindheit im zerbomb­ten Frankfurt? Auf ein Kraulen, gefolgt von einem seligen Dahinsacken? Oder gar auf ein Stück Hirscheberzahn? Jedenfalls wurde recht bald nicht nur ein Hirscheber wieder angeschafft, sondern gleich zwei. Für viele Frankfurter wurde der Hirscheber zu einem Fixpunkt in der Stadt, und manch einen, der nach Wochen, Monaten oder Jahren wieder nach Frankfurt zurückkehrte, führte der erste Weg in der Stadt zum Hirschebergehege. Es hätte auch nicht gewundert, wenn sich Yogakurse oder Meditationskreise um den Hirscheber versammelt hätten, um mit ihm zu meditieren und vom Meister Babirusa das Geheimnis des „intensionslosen Glücks“ (Adorno) zu erfahren.

Aber – regelmäßige Zoobesucher wissen es – schon seit einigen Jahren gibt es keinen Hirscheber mehr im Frankfurter Zoo. Der letzte starb, nein, nicht am eingewachsenen Eckzahn, an Altersschwäche. Und kein anderer Zoobewohner steht seitdem vergleichbar zum Kraulen oder auch nur zur inneren Einkehr bereit. Daher sieht man nun allenthalben Zoobesucher, die mit unruhigem Blick vor dem Helmkasuar stehenbleiben, oder versucht sind, den Tiger zu kraulen.

Darum: Frankfurt braucht dringend einen Hirscheber. Am besten gleich zwei.

Teile des Artikels sind erstmals erschienen in Christoph Jenisch: Buffalo Bill im Palmengarten. Und andere Frankfurter Unglaublichkeiten. Frankfurt 2010