Goethe als jugendlicher Liebhaber – Teil 2: Friederike

Musst es eben leiden …

In Goethes zweiter ernstzunehmender Beziehung gibt es gleich zwei bemerkenswerte Augenblicke, das Kennenlernen und die Trennung – und Goethe macht bei beiden Gelegenheiten keine gute Figur.

1770 studiert Johann Wolfgang, 21 Jahre jung und jüngst genesen von seiner schweren Erkrankung, in Straßburg und lernt bei einem Ausflug ins 40 Kilometer entfernte Sesenheim im Unterelsass die 18jährige Pfarrerstochter Friederike Brion kennen:

In diesem Augenblick trat sie wirklich in die Türe; und da ging fürwahr an diesem ländlichen Himmel ein allerliebster Stern auf. […]Aus heiteren blauen Augen blickte sie sehr deutlich umher, und das artige Stumpfnäschen forschte so frei in die Luft, als wenn es in der Welt keine Sorge geben könnte.

Goethe war gut?

Es ist nicht bekannt, was Friederike bei ihrem ersten Zusammentreffen gedacht hat, denn merkwürdigerweise glaubt Goethe, es sei eine gute Idee in Sesenheim in der clownesken Verkleidung eines armen Theologiestudenten aufzutreten. Bei einem späteren Besuch erscheint er kostümiert als der Dorfknecht George, was zu weiterer Verwirrung führt, zumal der echte George in die Szene platzt. Es ist auch nicht ganz klar, was Goethe zu dieser bizarren Maskerade bewog. Offenbar war er der irrigen Ansicht, dass Verkleidung und Rollentausch, die in einer Komödie zweifellos für Heiterkeit im Publikum sorgen und einer ansonsten lahmen Geschichte erst den richtigen Pfiff geben können, auch im wirklichen Leben mit Freude und Verzückung aufgenommen werden.

Aber er hat Glück, denn Friederike, die behütet im Kreise der pastoralen Familie im dörflichen Idyll aufgewachsen ist, hat dergleichen noch nicht erlebt und ist von der, sagen wir mal, unkonventionellen Erscheinung des ansonsten durchaus charmanten und eloquenten jungen Mannes fasziniert. Und glaubt sich verliebt. Auch Goethe gefällt sich in der Rolle des Romantisch-Verliebten. Aber durch welche Merkwürdigkeiten die Beziehung auch begonnen hat, sie scheint zunächst zu funktionieren: Goethe kommt nach Sesenheim wann immer er kann; „Riekchen“ und er verbringen ein Jahr von fast schon kitschiger Romantik: Sie streifen alleine durch die Natur, unternehmen Kahnfahrten, und man stellt sich gerne vor, wie Goethe der Geliebten zärtlich ein wenig Gras aus dem Haar zupft, bevor sie sich kichernd und erhitzt im elterlichen Pfarrhaus zum Kaffee einfinden. Wenig überraschend überkommt Goethe „unversehens die Lust zu dichten“: Mal schlägt sein Herz im rosafarbnen Frühlingswetter, mal zerfließt es in Glut – Welche Wonne! welcher Schmerz! – dann wieder leuchtet ihm die Natur so herrlich: Wie glänzt die Sonne! Wie lacht die Flur! Und, natürlich, sieht ein Knab ein Röslein stehen. Aber dass das nicht gut ausgeht, jedenfalls nicht für das Heidenröslein, wissen wir auch:

Half ihm doch kein Weh und Ach
Musst es eben leiden.

Das Ende der Beziehung kommt bestimmt nicht zufällig zeitgleich mit Goethes Studienabschluss, aber für Friederike doch sehr plötzlich. Wir können vermuten, dass Goethe die zeitliche Begrenzung der Beziehung immer bewusst war – aber offenbar hat er versäumt, dies auch Friederike rechtzeitig mitzuteilen. Im August 1771 verabschiedet er sich wie üblich nach einem Besuch, aber Friederike ahnt schon, dass er nicht wiederkommt, denn „als ich ihr die Hand noch vom Pferde reichte, standen ihr die Tränen in den Augen, und mir war sehr übel zumute“. Die Auflösung der Beziehung teilt ihr er dann lieber brieflich mit, aus sicherer Distanz von Frankfurt aus.

Friederike ist von der Trennung tief getroffen, bleibt für immer unverheiratet – und muss sich in den folgenden Jahren schwärmende Goetheverehrer, unter anderem einen gewissen Herrn Lenz, vom Hals halten, die glauben, in der Nachfolge Goethes dessen ehemalige Geliebte lieben zu müssen. Wenigstens muss sie Franz Lehars schmalzige Operette „Friederike“ nicht mehr erleben.

Goethe, immerhin, fühlt sich schuldig.