Hessisches Kulturgut – Das Frankfurter Kreuz

Das Kreuz mit der Vorfahrt

Von Verkehrsregeln hielt man in Hessen immer wenig. Zur Zeit der Pferdefuhrwerke, Kutschen und Handkarren wurden Vorfahrt, Geschwindigkeit und andere offene Fragen stets vor Ort und verbal geklärt, wozu dem Einheimischen ein blumiges Potpourri an Beschimpfungen, Beleidigungen und üblen Nachreden zur Verfügung stand.

Die Auseinandersetzungen wurden in der Regel mit großer Vehemenz geführt – nicht zuletzt da die eingebrachte Leidenschaft als entscheidend für den Ausgang des Verfahrens galt – und dauerten nicht selten Stunden, manchmal gar Tage. Es würde nicht wundern, wenn ein detailversessener Historiker eines Tages herausfinden würde, dass einzelne Fälle von strittiger Vorfahrt oder des Haltens an ungünstiger Stelle vom Vater auf den Sohn und weiter auf die folgenden Generationen vererbt worden sind. Goethe hat beides, schleppend sich hinziehende Gerichtsverfahren und Verkehrsbehinderungen, auf den Punkt gebracht:

Es erben sich Gesetz und Rechte
wie eine ewge Krankheit fort;
sie schleppen von Geschlecht sich zum Geschlechte
und rücken sacht von Ort zu Ort.
(Faust 1)

Die Ursache dieser Streitlust in einer latenten Aggressionsbereitschaft der hessischen Bevölkerung zu suchen, liegt zwar nahe, wäre jedoch grundfalsch. Dem Hessen liegen Angriffslust und Gewalt grundsätzlich fern, er schätzt ein beschauliches Dasein und vor allem Ruhe – und zwar seine eigene. Dass es Regeln geben muss, sieht der Hesse daher grundsätzlich ein. Wo käme man denn auch hin, wenn jeder täte was er wolle. Unablässiger Lärm und Streit wären die Folge und dem Hessen ein Graus. Allerdings – und an dieser Stelle hebt der Hesse mahnend den Zeigefinger – ist die Sache dann doch nicht ganz so einfach. Selbstverständlich gibt es Fälle, in denen Verordnungen und Gesetze alleine aus Gründen der Größe, der Bedeutung oder der Dringlichkeit von Person oder Sache durch individuellere Regelungen ersetzt werden müssen. Zweifelsohne konnte eine Marktfrau, die im Handkarren Blumenkohl oder gar frische Kräuter aus Oberrad zum Markt in Frankfurt brachte, sich nicht an Verkehrsregeln halten und jedem dahergelaufenen Nichtsnutz, der beispielsweise Bier ausfuhr, die Vorfahrt gewähren, nur weil dieser Tagedieb zufällig aus einer Richtung kam, der eine starre Gesetzgebung Vorrang eingeräumt hatte kam. Das gleiche dachte der Bierausfahrer über den Magistratsbeamten, welcher einen Stapel Akten über die Straße trug. Was der Magistratsbeamte wiederum über die Marktfrau dachte, die bereits drohend nach einem nicht mehr ganz frischen Blumenkohl griff, kann man sich denken. Wie lange die Auseinandersetzung dauerte und welcher Wortwahl sich die Beteiligten bedienten, in etwa auch.

Ansichtskarte vom Frankfurter Kreuz (Rosen Bild Verlag, Schwalbach)

Bestückt mit Handkarren und Pferdefuhrwerk hat die Szene etwas Beschauliches und man stellt sich gerne vor, wie man sich in die immer größer werdende Schar der Zuschauer einreiht, die den Gang der Auseinandersetzung beobachten und kontrovers diskutieren (vermutlich auch dann noch, wenn die eigentlichen Protagonisten längst wutschnaubend den Schauplatz verlassen haben und sich wieder ihrem üblichen Tagwerk widmen). Wenn dagegen raumschiffgroße SUVs, meterhohe LKWs und andere Produkte einer zunehmend verantwortungslos designenden Automobilindustrie sich an einer beliebigen Kreuzung gegenseitig leidenschaftlich anhupen, während die Fahrer hinter geschlossenen Scheiben unhörbar einander anbrüllen und Finger heben (allerdings diesmal nicht den Zeigefinger), möchte man als rechtschaffener Hesse nur die Flucht ergreifen und sich in den stillen Wald zurückziehen. Geht aber nicht, man kommt ja nicht voran, denn da steht immer noch dieser brotdumme Vollpfosten in seiner urwaldtauglichen Angeberkiste im Weg und telefoniert, der Blödarsch. JA! DU! FAHR ENDLICH!

Nun ja, es ist nicht einfach, in Straßenverkehr die angemessene Ruhe zu bewahren, zumal sich zunehmend der Gedanke aufdrängt, dass es mit dem Ruhebedürfnis des Hessen doch nicht so weit her ist, beziehungsweise, dass der eine oder andere sich geradezu vorsätzlich ins Getümmel stürzt, sei es, um sich mal wieder richtig ärgern zu können, sei es, um allen anderen mal wieder zu zeigen, wo beim Hessen die Harke hängt. Bzw. was ein Hammer ist.

Nun ist Hessen bekanntlich ein Transitland, Verkehr gibt es also allenthalben, und kein Dorf ist zu klein für eine handfeste Prügelei um Vorfahrtsrechte an Einmündungen mit abgesenktem Bordstein. In Frankfurt ist die Lage allerdings speziell, denn die Stadt liegt seit Jahrtausenden an der Kreuzung verschiedener Fernhandelswege. Baltikum und Balkan, Seidenstraße und Bergstraße, Jerusalem und Nürnberg, Rom und Santiago, alles war mehr oder weniger bequem zu erreichen, so dass Kaufleute, Pilger und andere Reisende nach Frankfurt kamen und das ihre zur Lebhaftigkeit des Straßenverkehrs wie auch zur Blumigkeit der gegenseitigen Beschimpfungen beitrugen.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts brach eine neue Zeit an, jedenfalls was die Art der Fortbewegungsmittel angeht, und auch dem hartnäckigsten Anhänger traditioneller Beförderungsmittel war sehr bald klar, dass dem motorisierten Verkehr die Zukunft gehören würde. Und dessen Wege würden sich unweigerlich wie eh und je in Frankfurt kreuzen, und zwar in unvorstellbaren Massen. Ein gewaltiges Geschrei in allen Zungen des Erdballs und ein Gebrüll von biblischem Ausmaß war zu erwarten, wenn Autokolonnen aus allen Richtungen sich in Frankfurt treffen würden, um abzubiegen, wo gerade noch Platz war, und sich die Vorfahrt streitig zu machen, und sich zu beleidigen mit nie gehörten Ausdrücken.

Um zu verhindern, dass ganz Frankfurt vor dem zu erwartenden Krawall und einem unvorstellbaren Kuddelmuddel in den Wald flüchtete, beschloss man bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts, die Kreuzung selbst in den Wald zu verlegen, und damit der Stadt ein Mindestmaß an Frieden zu sichern. Federführend war hier der Frankfurter Oberbürgermeister Ludwig Landmann, als Vorsitzender des Vereins HaFraBa e.V., der die Autobahn von Hamburg über Frankfurt nach Basel plante, und damit auch das Frankfurter Kreuz. Bis zu Beginn der Dreißiger Jahre war allerdings noch unklar, wo genau die andere der sich kreuzenden Autobahnen, die von Frankfurt nach Köln, entlangführen würde. Damit konnte unpraktischerweise auch nicht festlegen, wo die Kreuzung der Verkehrsströme nun stattfinden sollte, und die Planung des Frankfurt Kreuzes verzögerte sich über Jahre. Unbestritten war nur die Nähe zum Flughafen, nicht nur aus verkehrstechnischen Gründen, sondern auch in der Hoffnung, dass die vorbeifahrenden Autos eventuell auftretenden zähen Nebel wegwehen würden. Immerhin wurde 1935 (die Nationalsozialisten hatten mittlerweile mit der Übernahme der Planung auch gleich die Urheberschaft des Autobahnbaus für sich reklamiert) wenigstens die Art der Kreuzung entschieden: Ein Kleeblatt sollte es werden, gegen heftigen Widerstand konservativ eingestellter Kreise, die sich eine kreuzungsfreie Verkehrsführung partout nicht vorstellen konnten. Allerdings kam auch das Kleeblatt nicht voran, da 1940 (peinlicherweise pünktlich zu Führers Geburtstag am 20. April) die Arbeiten kriegsbedingt eingestellt werden mussten.

Erst 1953 standen wieder finanzielle Mittel zur Fertigstellung des Frankfurter Kreuzes zu Verfügung – das notwendiger war als jemals zuvor. 1956 konnte es eröffnet werden – und stieß selbstverständlich sofort auf heftige Kritik: Für den Hessen ist es normal, im Bedarfsfall unvermittelt seine Meinung zu ändern und dann als geistiger Geisterfahrer durch eine Auseinandersetzung zu stürmen – das Verbot plötzlicher Wendemanöver auf Autobahnen, zumal an Autobahnkreuzungen wurde daher oftmals mit Verwunderung, Verweigerung und Verunglimpfung von Ordnungskräften erwidert. Auch das geforderte konsequente Abbiegen nach rechts, wo man doch eventuell nach links wollte, führte in weiten Kreisen der Bevölkerung zu tiefgreifender Verstörung. Die Einrichtung spezieller Hinweistafeln für den Gebrauch von Autobahnkreuzen führte kurzfristig zu einer Verbesserung der Lage – aber seinen Frieden machte der Hesse mit dem Autobahnkreuz erst dann, als es infolge des gestiegenen Verkehrsaufkommens auch hier regelmäßig zu kilometerlangen Staus kam. Sinnlose Erregung und starrsinniges Beharren auf der eigenen Fahrspur, endlich konnte er wieder … genau so, hab ich doch gesagt. JA WO HAST DU DENN FAHREN GELERNT ! DU … DU OFFENBACHER!