Goethe als jugendlicher Liebhaber – Teil 1: Kätchen

Welche Wonne! – Welcher Schmerz!

Das sei einer von diesen Augenblicken, schreibt der junge Goethe im November des Jahres 1767 stark erregt an seinen Freund Ernst Wolfgang Behrisch, legt den angefangenen Brief dann aber beiseite und schneidet sich eine Schreibfeder, um sich zu beruhigen. Eine Stunde später, die Uhrzeiten sind auf dem Brief notiert, vermeldet er, sein Blut liefe nun stiller, er könne ruhiger reden. „Ob vernünftig? das weiß Gott. Nein, nicht vernünftig.“ Und in der Tat, es folgt eine recht wirre Geschichte, in der wir Goethe als rasenden Liebhaber erleben. Überhaupt beginnt nun ein mehrjähriges Trauerspiel, in den Hauptrollen Johann Wolfgang, nebst Katharina, Friederike und Charlotte. Seine Bemühungen hinsichtlich der genannten Protagonistinnen verliefen jedenfalls in allen Fällen verdrießlich und für den jungen Mann zweifellos verwirrend. Aber der Reihe nach.

Goethes spätherbstliche Erregung im Jahr 1767 gilt dem mutmaßlich zweifelhaften Verhalten von Anna Katharina Schönkopf, genannt Käthchen, einer  Leipziger Gastwirtstochter zu der er … ja, was eigentlich? … hat. Für ihn ist es leidenschaftliche Liebe, aber ihr muss vernünftigerweise klar gewesen sein, dass sie für den Sohn eines Kaiserlichen Rates als Heiratskandidatin nicht in Frage kommt. Also hält sie freundlichen Abstand und verkehrt mit ihm im engen Rahmen dessen, was für eine Gastwirtstochter als standesgemäß und schicklich gilt – was Goethes Leidenschaft jedoch erst recht befeuert. Bereits im Oktober beklagt er sich bei Behrisch darüber, dass zwei neue Mieter in den Schönkopfschen Gasthof eingezogen seien, darunter ein junger Mann, der sofort Goethes Eifersucht weckt:

Heute stand ich bey ihr, und redete, sie spielte mit den Bändern an ihrer Haube. Gleich kam der jüngste herein, und forderte eine Tarockkarte von der Mutter, die Mutter ging nach dem Pulte, und die Tochter fuhr mit der Hand nach dem Auge, und wischte sichs als wenn ihr etwas hineingekommen wäre. Das ists was mich rasend macht.“

Was ist’s, was ihn rasend macht? Nun, mit dem Griff ins Gesicht habe Katharina, die Untreue, ihre Schamesröte zu verbergen versucht. Es sei ein Argwohn, der bei ihm einen hohen Grad von Gewissheit habe.

Die Geliebte kann den Argwohn nur kurzfristig zerstreuen, wenige Wochen später schreibt Goethe erneut an Behrisch, von Argwohn ist nicht mehr die Rede, sondern von fiebriger Eifersucht – das sei einer von diesen Augenblicken. Er habe heute sein Käthchen sehen wollen, dieses aber sei ausgegangen, zu Obermanns. Also sei er zum Verleger Breitkopf gegangen, habe aber dort keine Ruhe gefunden, nach wie vor Sehnsucht nach der Geliebten gehabt und daher Frau Breitkopf bedrängt, ein Billet an Frau Obermann zu schreiben, das er überbringen könne. Frau Breitkopf schreibt, Goethe überbringt, Frau Obermann liest:

Was sind die Manspersonen für seltsame Geschöpfe. Veränderlich, ohne zu wissen warum. Kaum ist Hr. Goethe hier so giebt er mir schon zu verstehen daß ihm Ihre Gesellschafft lieber ist als die meinige. Er zwingt mich ihn etwas aufzutragen und wenn es auch nichts wäre. So böse ich auch auf ihn deßwegen binn, so weiß ich ihm doch Danck, daß er mir Gelegenheit giebt Ihnen zu sagen, dass ich beständig sey – Die Ihrige.

Frau Obermann ist verwirrt, und Käthchen, die den Brief ebenfalls liest, reagiert, wie sonst, mit kühler Distanz (er nennt es „Kaltsinn“), woraufhin er am nächsten Tag Fieber bekommt, „mit Frost und Hitze“. Katharina dagegen geht („O Behrisch, verlange nicht daß ich es mit kalten Blute erzähle.“) mit ihrer Mutter ins Theater. Goethe erfährt davon durch seine Magd, die ihm eigentlich etwas gegen das Fieber holen sollte, aber nun mit ansehen muss, dass er in eine Raserei verfällt, die auch nicht damit zu erklären ist, dass er kürzlich vom Pferd gefallen ist und sich den Kopf gestoßen hat:

Eben hatte das Fieber mich mit seinem Froste geschüttelt, und bey dieser Nachricht wird mein ganzes Blut zu Feuer! Ha! In der Comoedie! Zu der Zeit da sie weiß daß ihr Geliebter kranck ist. Gott. Das war arg.

Goethe wirft die Laken von sich und eilt ins Theater, denn natürlich ahnt er, nein, er weiß ganz sicher, dass sie nicht nur mit der Mutter dort ist, sondern auch mit dem jungen Mann aus dem Gasthof, einem Herrn Ryden, wie er erfahren hat. Und wirklich:

Ich fand ihre Loge. Sie saß an der Ecke, neben ihr ein kleines Mädgen, Gott weiß wer, dann Peter, dann die Mutter. – Nun aber! Hinter ihrem Stuhl Hr. Ryden, in einer sehr zärtlichen Stellung. Ha! Dencke mich! Dencke mich! auf der Gallerie! mit einem Fernglaß – das sehend! Verflucht! Oh Behrisch, ich dachte mein Kopf spränge mir für Wuht.

 Er hat Tränen in den Augen, will gehen, kann sich nicht losreißen, hat wieder Fieber, denkt, er muss sterben und geht dann doch, um Freund Behrisch brieflich sein Elend zu schildern. Das sei einer von diesen Augenblicken.

Noch im gleichen Brief – Goethe schreibt über mehrere Tage und in den entlegensten Gemütszuständen – kommt die Auflösung des Dramas: Die Geliebte habe ihm ungefragt vom Theaterbesuch erzählt, davon, wie sie möglichst weit weg von diesem Herrn Ryden sitzen wollte und wie er dann doch hinter ihr stand, so unangenehm nah, wo sie doch mit der Freundin in der Nachbarloge plaudern wollte, und alles sei gut. Aber nein, nichts ist gut, denn Goethe wird klar, er hat die Kontrolle verloren, nicht nur über sich, sondern über die Beziehung, je mehr er sich Katharina nähert, desto mehr zieht sie sich zurück, er hat sich lächerlich gemacht und er wird sie niemals heiraten.

Im Januar 1768 beendet er das Verhältnis und flüchtet, tief getroffen und von Selbstzweifeln geplagt, zurück nach Frankfurt und schließlich in eine monatelange und lebensbedrohliche Krankheit:

Gute Nacht. Mein Gehirn ist in Unordnung. O wäre die Sonne wieder da! Unzufriedenheit! Ich weiß warrlich nicht mehr was ich schreibe.