Frankfurter Polemik

Hartnäckiger Widerspruch und rechthaberisches Beharren gehören seit über 1200 Jahren zu Frankfurt wie Handkäse und Gesottenes vom Schwein. Diese unnachgiebig streitlustige Haltung lässt sich zum einen zurückführen auf die regionale Eigenheit, nur die eigene Meinung gelten zu lassen: Der Gedanke, den Standpunkt eines anderen auch nur in Erwägung zu ziehen, gilt als zutiefst unhessisch und kommt daher eo ipso nur in seltenen Ausnahmefällen zur Anwendung. Doch während man es im restlichen Hessen gerne dabei bewenden lässt – bevor man sich aufregt, ist es einem lieber egal – pflegt man in Frankfurt zudem eine veritable Streitkultur, die ihren Ausdruck vorzugshalber in ausgiebigem Ramentern, wüsten Beschimpfungen und unhaltbaren Beschuldigungen findet.

Das ganze Gezeter zielt natürlich niemals auf irgendetwas hin, es sei denn auf den Seelenfrieden der Beteiligten. Die wollen zwar grundsätzlich ihre Ruhe haben, sehen aber alleine beim Gedanken, sie könnten ihren Standpunkt nur unzureichend deutlich gemacht haben, rote Blitze auf der Netzhaut. Konkrete Handlungen, gar Revolutionen sind als Konsequenz natürlich nicht zu erwarten, zumal alle Beteiligten meist sowieso darauf bestehen, das alles so bleibt, wie es ist. Insofern diente das permanente Hadern und Keifen zumindest in früheren Jahrhunderten vorwiegend als Korrektiv sozialer Spannungen in einer durch enge Stadtgrenzen abgeschlossenen Gesellschaft: Man hockte die ganze Zeit in engen Gassen aufeinander, im engsten Umkreis, in Hör- und Riechweite, wurden unter großem Hallo und Geschrei unablässig Schweine geschlachtet, Sickergruben ausgehoben und Bier gebraut, um nur mal ein paar akustisch und olfaktorisch herausfordernde Beispiele zu nennen. Da musste man sich ab und an ein wenig Luft verschaffen, wenn man nicht wahnsinnig werden wollte. Oder wenigstens deutliche Grenzen um die eigene Einflusssphäre ziehen, auch wenn sich diese letztendlich auf die eigene Meinung beschränkte.

Das könnte man heute nun wiederum einfach hinnehmen und freundlich nicken, wenn einem das Schnitzel mal wieder mit Beleidigungen statt mit Bratkartoffeln serviert wird. Man sollte allerdings nicht übersehen, dass beharrlicher Trotz und störrischer Eigensinn mächtige Beweggründe sein können: Vieles, was wir heute als durchaus schätzenswert oder wenigstens nützlich erachten, wie Frauenfußball, kreuzungsfreie Autobahnen oder eine städtische Leichenschauanstalt musste erst mit viel Aufregung und Herzblut gegen ebenso starrsinnigen Widerstand durchgesetzt werden.  Und das macht den Frankfurter dann doch wieder … nein, nicht liebenswert … unterhaltsam.